Leitartikel aus unserem Gemeindebrief März/April 2024 von Helmút Peiniger


 

Bei Gott gibt es keine Randfiguren…

Die Passionsgeschichte hat verblüffende Perspektiven: Die Jünger Jesu, das „Stammpersonal“ der Bewegung, sind abgetaucht: Verrat, Flucht, Verleugnung seiner engsten Mitarbeiter – alles, was menschliche Beziehungen zerstören kann, widerfährt Jesus in den letzten Tagen vor seinem Tod. Aber Gott geht das Personal nicht aus, das in dieser Zeit besondere Erfahrungen macht. Es ist ein „göttlicher Funke“, der sie völlig unvermittelt trifft und zu einem „göttlichen Werkzeug“ macht.

Barrabas, wahrscheinlich ein Aufständischer, den die einen Freiheitskämpfer nennen, andere wiederum einen Terroristen, der gegen die römische Besatzungsmacht im Untergrund kämpft, soll mit zwei Gleichgesinnten hingerichtet werden mit dem Kreuzestod, den die Römer als grausame Abschreckung für alle Aufrührer praktizierten. In Erwartung des sicheren Todes hockt er in seinem Verließ  und lässt sein Leben an sich vorüberziehen: War die Freiheit seines Volkes den Einsatz seines Lebens wert? Wird noch irgendjemand an ihn denken, wenn er gestorben ist? Mitten in sein Grübeln hinein, ertönt der Ruf: „Du bist frei!“ Er kann es nicht glauben; zu aussichtslos war seine Lage. Aber dann hört er, dass ein anderer an seiner Stelle sterben soll. War das einer, der noch mehr Römer getötet hat als er? Oder hatte sich ein anderer Freiheitskämpfer freiwillig gestellt, damit er freikäme? Aber er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer von seinen Mitkämpfern auf so eine Idee käme. Als er sich vorsichtig umhört, wer denn das ist, der ihm zur Freiheit verholfen hat, hört er, dass dieser Jesus Blinde sehend, Lahme gehend, Aussätzige rein gemacht habe, - ganz umsonst: Nur die Liebe des einen, einzigartigen Gottes zu den Menschen habe er zeigen wollen und das sei den Frommen wie eine Gotteslästerung vorgekommen, weil doch die Weisungen Gottes, der Tempelkult mit seinen Opfern, und all denen, die die Barmherzigkeit Gottes verwalteten, in Frage stand, wenn sich einer anmaßte, Sünden so ohne weiteres zu vergeben. Er soll sogar mit höchst anstößigen Menschen, mit denen kein Frommer etwas zu tun haben wollte, fröhliche  Feste gefeiert haben! Barrabas will es nicht in den Kopf: Wie kann seine ganze Vergangenheit, all seine Vergehen von einem auf den anderen Tag nicht mehr an ihm hängen, so dass er nun sein Leben noch einmal beginnen kann? Sollte diese Liebe Gottes zu den Menschen, die dieser Jesus verkündigt hat, ihm –Barrabas- einen Neustart in die Zukunft ermöglichen?

Simon von Cyrene kommt müde von der Feldarbeit und will nur heim, als er durch eine gaffende Menschenmenge aufgehalten wird. Unwillig sieht er, wie römische Besatzungssoldaten mit ihren Lanzen einen Weg durch die Menge bahnen. Schon hört er in dem Geraune der Menschen um ihn herum, dass hier Aufständische zur Hinrichtung gebracht werden. Neugierig schiebt er sich durch die Menge, weil er weiß, dass manche seiner Nachbarn, die tagsüber ganz normal ihrer Arbeit nachgehen, sich nachts treffen, um den Wachmannschaften der Römer aufzulauern und sie in einen Hinterhalt zu locken. Ob er wohl einen von ihnen kennt? Er mustert sie kritisch, als sie vorbeiziehen, aber er kann sich nicht erinnern, die schon einmal gesehen zu haben. Die drei müssen ihren Kreuzbalken schleppen und einem von ihnen scheint es besonders schlecht zu gehen: Er blutet, als ob er gegeißelt worden wäre und in seinem Kopf stecken noch Reste von Dornen. Wie können die römischen Soldaten nur so grausam sein, denkt er, und fühlt wieder den alten Hass gegen die Besatzer in sich aufwallen. Da bricht der von der Folterung Gezeichnete direkt vor ihm zusammen, und ehe er sich´s versieht, packt ihn ein Soldat am Arm und zerrt ihn zu dem Gefallenen. Simon spricht die Sprache der Römer nicht, aber die drei, die ihn nunmehr umringen, lassen keinen Zweifel daran, dass er den Kreuzbalken aufheben und weitertragen soll. Einen kurzen Moment erwägt er zu fliehen, aber die Übermacht der römischen Einheit ist zu groß, als dass er in der Menge untertauchen könnte, zumal aus den Reihen der Gaffenden keiner Anstalten macht, ihm zu helfen. Er blickt für einen kurzen Moment in das geschundene Gesicht des Gefallenen, als die Soldaten ihn hochzerren und sieht doch tatsächlich die Andeutung eines Lächelns in den schmerzverzerrten Zügen des Aufständischen. Und war da vielleicht sogar ein Kopfnicken, so als wollte er ihm danken, ohne sprechen zu können? Widerwillig hob Simon den Balken auf; in der Aufregung spürte er seine Müdigkeit kaum noch und zog nun selbst wie ein Verurteilter die schwere Last tragend dem Hügel, den man Golgatha nannte, entgegen. Aus den Augenwinkeln sah er einen Nachbarn, den er kannte, und der zutiefst erschrocken seine Hand auf den Mund presste. Er hoffte nur, dass der Mann nicht zu seiner Familie lief und sie in Angst und Schrecken versetzte. Endlich an der Hinrichtungsstätte angekommen, warf er den Balken ab und versuchte, möglichst unauffällig in der Menge zu verschwinden. Er hörte noch die Schmerzensschreie der Verurteilten, als die Römer ihrem grausamen Geschäft nachgingen, aber mitten hinein in die groben Scherze der Soldaten und die Flüche zweier der Verurteilten eine zitternde, aber deutlich Stimme, die ein Gebet sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Zutiefst erschüttert wandte sich Simon um. Der, dem er den Kreuzbalken getragen hatte, betete für die, die ihn kreuzigten? Wer konnte dieser Mann sein, dass er in solch einer Lage nicht die verwünschte, die ihm das antaten, sondern wünschte, dass sie straffrei blieben? Wer war der „Vater“, den er anrief wie ein Sohn? Tief in Gedanken bahnte er sich seinen Weg durch die Menge und überlegte, wer das wohl gewesen sein könnte, dem er das Kreuz widerwillig, aber trotzdem überwältigt von dem liebevollen Blick, der ihn getroffen hatte wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wenn er das im Nachhinein so bedachte. Sollte mit diesem „Vater“ der Erhabene, der Ewige gemeint sein, dessen heiligen Namen die Priester und Schriftgelehrten aus Ehrfurcht nicht aussprachen? Was wäre, wenn dieser Mensch tatsächlich eine besondere Beziehung zu dem Heiligen gehabt hätte und er, Simon, ihm einen letzten Dienst erwiesen hätte? Wenn er schon in der Lage war, seinen ärgsten Feinden zu vergeben, würde dann nicht die Hilfe, die er ihm geben konnte, das Wohlgefallen des Ewigen finden? Als er schließlich zu Hause ankam, begann er seiner Frau und den beiden Söhnen von diesem entsetzlichen Erleben und seiner Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Menschen zu erzählen…

Der Hauptmann stöhnte innerlich auf, als er schon wieder den Befehl bekam mit seiner viel zu kleinen Einheit durch Jerusalem zu ziehen, um drei Aufständische kreuzigen zu lassen. Das war immer ein Wagnis, denn man wusste nie, ob sich die Juden nicht zusammenrotten würden, um ihre Landsleute aus den Fängen der Besatzungssoldaten zu befreien und die Besatzer selbst zu töten. Er hasste es deshalb auch, wenn seine Leute die Verurteilten verhöhnten und damit die Zuschauenden gegen die Römer aufbrachten. Als er sah, dass sie einem von den Aufständischen, für dessen Kreuz auf Befehl des Pilatus eine Inschrift mit den Worten „Jesus König der Juden“ gefertigt werden musste, einen Umhang überwarfen und sich vor ihm wie vor einem Herrscher verbeugten, gab er den Befehl, in Kürze aufzubrechen; trotzdem konnte er nicht verhindern, dass ein Soldat ihm eine Krone aus Dornengestrüpp aufsetzte, ihm den Umhang über den Kopf zog und ihn schlug mit den Worten: „Weissage, wer dich geschlagen hat.“ Der Verurteilte sah erst zum Himmel, dann mit einem leisen Lächeln aus dem blutüberströmten Gesicht zu dem Soldaten und schüttelte den Kopf. Da trieb der Hauptmann seine Leute zur Eile an, und sie machten sich auf den Weg zur Hinrichtungsstätte. Er erinnerte sich an so manche Hinrichtung, aber diese blieb ihm unauslöschlich im Gedächtnis, weil er ein sonderbares Gespräch zwischen den Gekreuzigten mitanhörte. Offensichtlich kannten sich die drei, denn einer von ihnen sagte zu dem, dessen Kreuz mit dem Königsschild versehen war: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig herab und rette dich und uns!“ Der Hauptmann zuckte zusammen. Wenn das wirklich wahr wäre, war seine letzte Stunde gekommen. Aber er beruhigte sich damit, dass dies nur religiöse Spinnereien sein konnten, wie es sie so viele in diesem sonderbaren Land mit dem Glauben an einen einzigen Gott gab, wo doch die römischen Götter in großer Zahl über dem Imperium Romanum wachten. Aber dann hörte er, wie der andere Gekreuzigte ihn tadelte: „Wir bekommen, was wir verdienst haben, dieser aber hat nichts verbrochen, weswegen er gekreuzigt werden müsste.“ Und er fuhr fort: „Denk an mich, wenn dein Reich Wirklichkeit wird.“ So sonderbare Gespräche hatte der Hauptmann noch nie gehört. Wovon sprachen diese Verschwörer? Waren sie nicht Aufständische gegen das römische Friedensreich, unermesslich in seinen Ausdehnungen und mit einem göttlichen Kaiser in Rom? Und als dieser Jesus dem Mitgekreuzigten zusprach: „Ja, heute noch wirst du mit mir dort ankommen, und es wird paradiesisch sein!“ sah der Hauptmann zu seiner großen Verblüffung die Erleichterung im Gesicht des Mannes, der sich an diese Zusage klammerte. Gab es etwa außer den vielen Reichen, die sich der römische Kaiser untertan gemacht hatte, ein Reich, das ihm unbekannt war? Das für die römischen Soldaten uneinnehmbar sein musste und in das die Hingerichteten im Namen des Vatergottes, den dieser Jesus verehrte, entkommen konnten? Es war dieses Gebet, das dem Hauptmann sich als letztes ins Gedächtnis brannte: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist.“ In diesem Moment verfinsterte sich die Sonne, eine Windboe zog über den Kreuzeshügel. Und der Hauptmann hörte sich rufen: „Wahrhaftig, dieser war ein Sohn des höchsten Gottes!“

Joseph von Arimathäa, ein angesehener Großgrundbesitzer mit Stammwohnsitz in Jerusalem, war Mitglied im Hohen Rat und gehörte zur Oberschicht des jüdischen Volkes. Schon lange beobachtete er diesen Jesus aus Nazareth, und er hatte ihn mehr als einmal sagen hören: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“ Das war das, was er -und mit ihm viele seiner jüdischen Mitbürger- hoffte. Joseph hegte große Sympathie für diesen Jesus, der anders als die Zeloten, die mit Waffengewalt aus dem Untergrund heraus einen Umsturz erhofften, den Beginn des Reiches Gottes durch Liebe und Friedfertigkeit verkündete. Aber zugleich hatte diese Botschaft auch etwas Radikales, was ihn als besonnenen Politiker immer wieder in Gewissens- und Loyalitätskonflikte stürzte, wie damals, als Jesus Geldwechsler und Tierhändler aus den Vorhöfen des Tempels vertrieb und ihnen vorwarf, aus dem Tempel Gottes eine „Räuberhöhle“ zu machen. Kaiaphas, der Hohepriester, war ein Schwiegersohn des Hananias, dessen Familie diese Höfe betrieb und ihren Reichtum daraus bezog. Das war im Hohen Rat heiß diskutiert worden. Einige hatten auch gehört, dass dieser Jesus gesagt habe, er wolle den Tempel zerstören und in drei Tagen wieder aufbauen. Sie hatten schon verstanden, dass das symbolisch gemeint war; aber die Tatsache, dass er den jüdischen Kollaborateuren und Verrätern aus der Zollbehörde Gott als liebenden Vater verkündete, Geächtete und Ausgestoßene als Anwärter auf Gottes Reich ansprach und damit die Opfertätigkeit der Priester überflüssig machte, - das rüttelte doch an den Grundfesten des jüdischen Gottglaubens. Joseph hatte an dieser Vision von Frieden und Liebe als Fundamenten des Gottesreiches festgehalten und war für mäßigendes Abwarten eingetreten; andere wiederum befürchteten, dass sich aus dieser Jesusbewegung ein Aufstand entwickeln könnte, der die römische Besatzungsmacht provozieren und zu einem Blutbad reizen könnte. Kaiaphas, dieser politische Balancekünstler, der es immer wieder schaffte, Pilatus gegenüber loyal zu erscheinen und gleichzeitig die fromme Elite davon zu überzeugen, dass man nur so den jüdischen in Glauben unter der Besatzungsmacht in Frieden leben könnte. hatte die höchst diplomatische Formel in diesem Konflikt gefunden: „Es ist besser, dass ein Mensch getötet wird, als dass das ganze Volk zu Grunde geht.“ Joseph hatte selten so seine Ohnmacht in dieser Auseinandersetzung  gespürt: Zu wissen, dass dieser Weg des Jesus von Nazareth genau der richtige war, aber das Unheil seiner Verfolgung durch die jüdischen Tempelbehörden mit seinem Einfluss nicht aufhalten zu können, hatte ihn innerlich zerrissen. Als er die Nachricht vom Tod Jesu hörte, war alle Hoffnung auf das Gottesreich zunichte. Bis zuletzt hatte er auf ein Wunder dieses mächtigen Gottesmannes gehofft, der ja sogar Tote auferwecken konnte, dass nämlich Gott sich zu ihm bekennen und eingreifen würde. Als es Abend wurde, und niemand Anstalten machte, die Toten vom Kreuz abzunehmen, wurde ihm erschreckend klar: Seine Jünger hatten Angst, sich zu ihm zu bekennen, weil sie die Verfolgung fürchteten. Die Schriftgelehrten, die ihn am Vorabend des Sabbats hätten beisetzen müssen, wie das Gesetz es vorschrieb, betrachteten ihn als Terroristen, den die Römer hingerichtet hatten, damit seine Botschaft endgültig in der Erinnerung als ein falscher Prophetenauftritt gebrandmarkt würde. Die Römer würden die Leiche auf den Verbrecheranger werfen, wo sich niemand um ihn kümmerte. Da plötzlich überfiel Joseph ein maßloser Zorn und alle Hoffnungslosigkeit und alle Entschlusslosigkeit waren plötzlich verflogen. Er hatte nur ein Ziel: Auch wenn seine Hoffnungen auf das Reich Gottes zunichte gemacht worden waren, konnte er das Unrecht, das Jesus geschehen war, nicht auslöschen, aber seinem Leichnam gebührte die angemessene Ehre der Bestattung. Es scherte ihn nicht, dass er das Passafest nicht würde feiern können, weil er durch die Berührung mit einem Toten unrein wurde. Nur der eine Gedanke beseelte ihn: Der, der so viel Gutes getan hatte, sollte in seinem Felsengrab beigesetzt werden. Es war Josph egal, ob die anderen Mitglieder des Hohen Rates ihn verachten würden; es war ihm egal, ob die römischen Behörden ihn zu den Aufständischen zählen könnten; es war ihm egal, ob alle Anhänger des Jesus von Nazareth sich aus Angst verkrochen. Er würde zu Pilatus gehen und ihn um den Leichnam bitten.

Fühlen wir uns nicht auch manchmal wie „Randfiguren des Reiches Gottes“? In der Passionsgeschichte zeigen uns die Evangelisten, wie in einem bestimmten Moment ein „göttlicher Funke“ aufblitzt, den wir auch in unserem Leben verspüren können:

Barrabas erfährt, wie die Last der Vergangenheit von ihm abfällt und er macht sich auf den Weg, um zu erfahren, wer das ist, der an seiner Stelle die Verantwortung übernimmt. Von manchen Lasten der Vergangenheit, die wir mit uns herumschleppen, werden wir frei, weil Jesus Christus bereit ist, sie an unserer Stelle zu tragen,

Simon von Cyrene wird unfreiwillig zum Kreuzträger und unterstützt den, der das Leid dieser Welt auf seinen Schultern trägt: Jesus Christus. Wenn wir mit den Trauernden weinen, den Kranken zuhören, die Hilfsbedürftigen unterstützen, tragen wir für eine kurze Strecke den Kreuzbalken.

Der Mitgekreuzigte, der nur noch den einen Wunsch äußern kann, Bürger in Gottes Reich zu werden, weitet uns den Blick –abseits unserer Bekehrungsvorstellungen- für die vielfältigen Wege, auf denen Menschen zu Gott finden können.

Joseph von Arimathäa, der an einem bestimmten Punkt seines Lebens alle Vorsicht fahren lässt, sich zu Jesus bekennt, und so ohne es zu wissen zum Wegbereiter der Auferstehung wird, kann auch uns ermutigen, für Menschen die Auferstehung Jesu erfahrbar werden zu lassen. Achten wir darauf, wenn ein „göttlicher Funke“ in unserem Alltag aufblitzt?!