Auf ein Wort

Leitartikel aus unserem Gemeindebrief Juli/August 2022

von Joachim Möller

Titel GBrief 07 08 2022

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.

Monatsspruch Juli 2022 aus Psalm 42, 3:


Liebe Gemeinde,

Durst zu haben ist gut, denn wer keinen Durst hat, bekommt manchmal gar nicht mit, dass er austrocknet. Der menschliche Körper besteht zu etwa 60% aus Wasser. In jeder Körperflüssigkeit, in allen Organen, im Gewebe und in den Zellen ist Wasser enthalten. Für viele Abläufe im Körper ist Wasser nötig. Da wir Wasser durch Schwitzen und Ausscheidungen verlieren, muss es ersetzt werden. Auf feste Nahrung können wir zur Not bis zu vier Wochen verzichten, aber auf Wasser nur ein paar Tage. Da auch unser Gehirn Wasser braucht, treten bei Wassermangel oft Verwirrtheit und auch Depressionen auf. Bei älteren Menschen schwindet häufig das Durstgefühl und sie laufen Gefahr, nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu erkranken.

Erna ist 75 Jahre alt und trinkt regelmäßig und ausreichend. Aber das soll jetzt hier nicht das Thema sein. Viel bedeutsamer ist, dass Erna keinen besonderen Durst nach Gott hat. So wie sie regelmäßig und ausreichend Wasser trinkt, so hat sie auch regelmäßig und ausreichend Kontakt zu Gott. Ihr Tagesablauf ist von vielen kurzen und langen, lauten und leisen, regelmäßigen und spontanen Gebeten geprägt. Irgendwie ist sie fast ständig mit Gott und ihrem Herrn Jesus Christus im Gespräch. Sie hat viel durchgemacht in ihrem Leben, aber sie strahlt eine große Freude und Zufriedenheit aus. So ist sie in der Nachbarschaft und in der Gemeinde eine wertvolle Hilfe, Trösterin und Beterin. Sie besucht die Kranken und legt ihnen die Hände auf. Erna lebt mit Gott. So hat sie keinen geistlichen Mangel und keinen Durst nach Gott oder Sehnsucht nach Gott. Er ist einfach immer da.

Auch Dieter hat keinen besonderen Durst nach Gott. Er ist ein dankbarer und zufriedener Mensch. Als Architekt ist er in der Gemeinde ein gefragter Mann. Bei Baumaßnahmen an und in der Gemeinde setzt er sich ein und berät die Geschwister auch schon mal privat. Er steht mitten im Berufsleben und kann daher nicht regelmäßig an den Gottesdiensten und sonstigen Gemeindeveranstaltungen teilnehmen. Sein Tag ist ausgefüllt mit Beruf, Familie und seinem Interesse für Fußball. Er hat kein Bedürfnis nach geistlichem Wachstum. Er ist zufrieden mit seiner Situation. Ich bin getauft und glaube an Jesus, sagt er sich, das ist doch wohl schon mal in Ordnung. Nein, Dieters Seele dürstet auch nicht nach Gott.

Aber Annabels Seele schreit zu Gott. Die junge Krankenschwester ist in letzter Zeit oft verzweifelt. Ihr langjähriger Freund ist plötzlich verstorben und ihre beste Freundin ist ins Ausland gezogen. Ihr Bruder kümmert sich nicht um die alte Mutter und sie muss immer mehr Zusatzschichten auf der Intensivstation übernehmen. Sie kommt kaum noch in die Gemeinde und ist oft zu müde zum Beten. Ihre kurzen Gebete sind nur ein Aufschrei, ein Hilferuf: Ich kann nicht mehr! Gott, wo bist du? Hilf mir auf! Was soll ich nur tun? Warum immer ich? Hab doch Erbarmen mit mir!

Wir wissen nicht genau, in welcher Situation der oder die Psalmdichter waren, als die Psalmen 42 und 43 entstanden sind. Die beiden Psalmen gehören zusammen. Eigentlich ist es ein Psalm, der den Söhnen Korahs zugeschrieben wird. Aber ob sie den Psalm (heute würden wir sagen: Lobpreislied) gedichtet oder nur vorgesungen haben, denn sie waren die offiziellen Tempelvorsänger (heute würden wir sagen: Lobpreisband), dazu ist man bei der Auslegung nicht ganz sicher, denn Inhalt und Stil deuten auch sehr auf eine Urheberschaft Davids hin.

Jedenfalls kommt in dem Psalm zum Ausdruck, dass sie sich an frühere, schöne und segensreiche Gottesdienste erinnern, in denen sie Gottes Nähe erleben konnten. Das haben sie jetzt nicht mehr und das bedrückt sie. Sie spüren eine innere Leere. Sie vermissen die Anwesenheit Gottes. Sie fühlen sich abgetrennt von ihm und verlassen. Genau das Gefühl hatte Jesus am Kreuz auch, als er rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ein schreckliches Gefühl, das schlimmste Gefühl, das man haben kann, wenn man vorher einen so engen Kontakt zu dem lebendigen Gott hatte. Diesen Durst, diese Sehnsucht nach Gott kann nur einer haben, der ihn zuvor erlebt hat.

Der Refrain in diesem Psalm lautet: Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir? Auch hier gilt: Diese Unruhe ist gut! Sie ist der Antrieb Gott wieder neu zu suchen, nicht aufzugeben, alles daran zu setzen die Verbindung nicht ganz abreißen zu lassen. Für den Psalmsänger ist das eine existenzielle Frage. Er weiß, dass er ohne Gott nicht leben kann. Er hat Todesangst, so wie der Hirsch, der nach frischem Wasser lechzt (so beginnt ja der Psalm). Ohne Wasser kein Leben, ohne Gott kein Leben. Weil nach alttestamentlichem Menschenbild die Seele des Menschen in der Kehle ihren Sitz hat, passt das Bild vom Durst nach Wasser und der Sehnsucht der Seele nach Gott gut zusammen.

Der Psalm ist ein Weisheitslied, ein Lehrgedicht, eine Unterweisung, etwas zum Nachdenken. Also denken wir mal darüber nach, wie man mit dieser Sehnsucht umgeht. Sehnsucht ist ein inniges Verlangen nach Personen, Sachen, besonderen Zuständen oder auch besonderen Zeiten. Es ist oft ein schmerzliches Gefühl. Deshalb leidet der Psalmist. Er weiß sich nicht anders zu helfen, als das Gespräch zu suchen. Zunächst spricht er mit sich selbst. Er formuliert sein Verlangen und seinen Schmerz und spricht seine eigene Seele an. Schon das kann eine erste Hilfe sein.

Aber letztlich spricht er Gott an und man merkt förmlich, wie ihm das guttut. Seine Stimmung in dem Psalm geht auf und ab. Er weiß, dass Gott da ist und ihn hört, auch wenn er jetzt nur von der Erinnerung lebt. Aber er lässt sich nicht von Gott abbringen. Er wendet sich nicht an andere, tote Götter. Fast alle Menschen wenden sich ja irgendwelchen Göttern zu, etwas Größerem, Schönerem, Höherem, das ihnen sehr wichtig ist, was sie bestaunen und bejubeln, z. B. Fußballvereine, Rockstars oder sonstige Prominente. Die Deutschrockband Die Ärzte singt: „Oh, ich hab solche Sehnsucht. Ich verlier den Verstand. Ich will wieder an die Nordsee. Ich will zurück nach Westerland.“

Das alles interessiert den Psalmsänger hier nicht. Nein, sein Verlangen ist allein auf den einen wahren und lebendigen Gott gerichtet.

In der Bibel ist an verschiedenen Stellen von Sehnsucht die Rede. Oft geht es um die Sehnsucht nach geliebten Menschen, nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, nach Brüdern und Schwestern im Glauben. Paulus hat zum Beispiel Sehnsucht nach den Thessalonichern. Die Sehnsucht nach geliebten Menschen, dem Partner, den Kindern oder guten Freunden ist uns sicher am geläufigsten. Außerdem geht es an einigen Stellen in der Bibel, insbesondere in den Psalmen, um die Sehnsucht nach Befreiung von persönlichem Leid, um die Rettung aus Not und Gefahr. Auch das kennen wir gut, wenn wir oder unsere Lieben von Krankheit oder sonstiger Not betroffen sind. Aber es müssen gar nicht nur die Menschen aus unserem Umfeld sein. Auch für die Menschen in der Ukraine und in anderen Krisenregionen empfinden wir eine große Sehnsucht nach Frieden, Freiheit und Rettung. Aber wie sieht es nun aus mit unserer Sehnsucht nach Gott? Haben wir sie oder haben wir sie nicht? Wenn wir sie nicht haben, sollten wir versuchen, den Grund dafür zu finden.

Zum Schluss noch ein Gedanke in die andere Richtung. Sehnsucht kann auch wechselseitig bestehen. Auch Gott hat nämlich Sehnsucht nach uns. Gott hat den Menschen erschaffen, weil er Freude an einer guten Beziehung zu seinem Geschöpf hat, bzw. haben will. Und obwohl der Mensch sich gegen Gott aufgelehnt hat, bleibt Gott treu und tut alles, um die Beziehung wieder herzustellen. Gott gibt die Menschheit nicht auf. Er sehnt sich nach Versöhnung und will den ursprünglichen Zustand wieder herstellen. Gottes Sehnsucht kommt in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder besser von den verlorenen Söhnen, am besten zum Ausdruck. Es ist besonders bewegend, wie Jesus den Vater im Himmel beschreibt: „Als er (der Sohn) aber noch weit entfernt war, sah ihn der Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ Was für ein Beispiel göttlicher Liebe! Was für eine Chance für uns. Gottes Sehnsucht nach uns ist unendlich größer als unsere kleine Sehnsucht nach ihm.

Liebe Gemeinde, lasst uns dankbar sein für einen solchen Gott. Lasst uns in der Gemeinde zusammenkommen und ihn feiern und loben. Jetzt geht es doch wieder. Bleibt nicht länger zuhause vor den Bildschirmen, außer ihr seid alt oder krank. Wer Sehnsucht hat nach Gemeinschaft mit Gott und der Gemeinde, der soll kommen und mitfeiern. Und wer keine Sehnsucht nach Gott hat, der soll auch kommen und sich von seinem Geist anstecken lassen.

Allen, die jetzt nicht kommen können, weil sie in Urlaub fahren, wünsche ich eine gute Zeit der Erholung und eine bewahrte Zeit unterwegs. Ich wünsche euch aber auch, dass ihr Sehnsucht empfindet nach den Gottesdiensten in der Gemeinde und wir uns dann wohlbehalten wiedersehen.

Herzliche Grüße von Joachim Möller