Auf ein Wort

Leitartikel aus unserem Gemeindebrief                                    Von Joachim Möller


Zur Losung für den Monat Mai aus Sprüche 31,8:

„Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“



Was haben Dietrich Bonhoeffer, Karl Barth und Clemens August Graf von Galen gemeinsam? Nun, alle drei lebten in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und mussten sich als Christen mit den Schrecken des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Sie waren nicht stumm, sondern mutige Bekenner christlicher Werte und setzten sich offen für die Ärmsten der Armen ein, für die Behinderten, die keine Stimme hatten.

Für die Nazis war es unwertes Leben. Sie wollten entscheiden, welches Leben wertvoll war und welches nicht. Sie sprachen den behinderten Menschen ihre Würde ab, die Würde, die Gott ihnen und jedem Menschen gegeben hatte. Das wurde mit dem Wort „Euthanasie“ umschrieben. Euthanasie bedeutet übersetzt „gutes Sterben“ oder „schöner Tod“. Einen schrecklichen Tod mussten viele sterben, sie wurden vergast.

Clemens August Graf von Galen war am 05.09.1933 zum Bischof von Münster ernannt worden. Er war ein streng gläubiger und national eingestellter Christ, aber er wusste ganz klar, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Sein Leitspruch war: „Weder Menschenlob, noch Menschenfurcht soll uns bewegen.“ So kritisierte er die Enteignungen der Kirchen durch die Nazis und vor allem die Ermordung der Behinderten öffentlich in seinen Predigten. Martin Bormann, der Leiter der NSDAP Parteikanzlei, wollte ihn deshalb hängen lassen, aber Joseph Goebbels hatte die Sorge, dass das zu Unruhen führen würde, denn von Galen war sehr beliebt. Man nannte den mutigen Bischof den „Löwen von Münster“.

Karl Barth war ein Schweizer evangelisch-reformierter Theologe. Im Ersten Weltkrieg brach er mit der deutschliberalen Theologie. 1934 verfasste er maßgeblich die Barmer Theologische Erklärung und begründete die Bekennende Kirche. Da er den geforderten Eid auf Hitler verweigerte, musste er seine Lehrtätigkeit in Deutschland beenden und kritisierte nun aus der Schweiz den unbeschränkten Machtanspruch des NS-Regimes, prangerte die Judenverfolgung und die Euthanasie an. So wie auch Bonhoeffer unterstützte er den bewaffneten Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Dietrich Bonhoeffer war Privatdozent für Evangelische Theologie in Berlin und wohl der bekannteste Vertreter der Bekennenden Kirche. Er war am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt und wurde deshalb kurz vor Kriegsende auf Hitlers ausdrücklichen Befehl hingerichtet, weil er mit dem Attentat auf ihn in Verbindung gebracht wurde. Bonhoeffer war wohl die bekannteste Stimme gegen die menschenverachtenden Gräueltaten des Nationalsozialismus. Er verzichtete auf eine sichere Lehrtätigkeit in den USA, um aufseiten der Unterdrückten und Verfolgten vor Ort seine Stimme zu erheben. Diese Haltung hat er mit dem Leben bezahlt.

Ja, so kann es gehen in dieser Welt. Wer seine Stimme für die Stummen erhebt, der geht Risiken ein, der hat schnell Feinde aus den Reihen der Mehrheit und der Mächtigen, der (Vor-)Lauten und Schreihälse, der Populisten und Verführer. Hier und heute müssen wir, Gott sei Dank, nicht mehr mit Gefängnis und Todesurteil rechnen, wenn wir unsere Stimme für die Stummen erheben. Aber Anfeindungen, Beleidigungen, böse oder mitleidige Blicke sind nicht ausgeschlossen. Zivilcourage bringt vielleicht manchmal auch Ehre ein, aber in der Situation oft unangenehme oder sogar auch gefährliche Erfahrungen. Selbst wenn der Einsatz für die Stummen, die Armen, die Unterdrückten, die Schüchternen, die Fremden oder Andersdenkenden zu gar keinen Reaktionen führt, stellen wir oft eine Kosten-Nutzen-Analyse auf und resümieren: Bringt ja doch nichts. Also halten wir den Mund und lassen die Dinge laufen.

Respekt vor allen, die mit Engagement aufstehen und versuchen sich auf vielfältige Weise Gehör zu verschaffen. „Arsch huh, Zäng ussenander“ ist das Motto einer Kölner Kampagne gegen rechte Gewalt. Wolfgang Niedecken, der Frontmann der Gruppe BAP, ein führender Vertreter dieser Kampagne, macht deutlich, dass ein bequemes Schweigen auf Dauer höchst gefährlich ist.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, lautet ein Sprichwort. Es soll bedeuten, dass eine zurückhaltende Art der Gesprächsführung besser ist. Das kann sicher manchmal angebracht sein, aber in diesem Zusammenhang stößt es eindeutig an seine Grenzen. Nur der erste Teil des Sprichwortes hat biblische Wurzeln. In Psalm 12, 7 heißt es: „Die Rede des Herrn ist lauter, wie geläutertes Silber.“ Die Vergoldung des Schweigens ist eine fragwürdige Ergänzung, die nicht aus der Bibel stammt. Schon die Römer hatten die Spruchweisheit: „Wer schweigt, scheint zuzustimmen.“

Wer aber alles gesagt hat, alles erklärt hat, alles versucht hat, alles eingesetzt hat, der darf auch mal schweigen, so wie Jesus bei seiner Verurteilung. Er hatte während der Zeit seines Wirkens den Mund aufgemacht für die Stummen, und schließlich sogar sein Leben für sie gegeben.

Zum Schluss noch ein paar Erläuterungen zum Urheber dieser Weisheit. In Sprüche 31, 1 erfahren wir etwas über den Verfasser. Es war König Lemuel, der König von Massa, einem ismaelitischen Stamm. Wir erfahren aber auch, dass diese Weisheit von seiner Mutter kam, die ihm auch den Namen mit der Bedeutung „Gott geweiht“ gab. Vermutlich ist Lemuel schon als Kind König geworden und wurde zunächst von seiner Mutter vertreten. Damals war das eine nicht unübliche Praxis. Lemuels Mutter hatte ihn gelehrt, Gerechtigkeit zu üben und seine königliche Macht verantwortungsvoll auszuüben – eine weltweit nicht so häufig anzutreffende Herrschaftsform – damals wie heute. Wohl dem der weise Eltern hatte und sich ihr Vorbild zu eigen macht.