Auf ein Wort

Leitartikel aus unserem aktuellen Gemeindebrief


Zur Jahreslosung 2021 aus Lukas 6, 36:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!


 

Liebe Gemeinde,

wie immer in der Weihnachtszeit, so auch im gerade vergangenen Jahr, wurden wir auf eine Vielzahl von Hilfsprojekten, Bedürftigen und Notfälle aufmerksam gemacht, weltweit und auch ganz nah. Hunger, Durst, Obdachlosigkeit und Krankheit nehmen nicht ab. Und die Corona-Pandemie setzt noch einen drauf, mit Einsamkeit und Tod – eine unbarmherzige Zeit! Und ich? Wieder bin ich an dem Bettler in der Fußgänger-Zone vorbei gegangen, ohne etwas zu geben. Bin ich unbarmherzig? Was machen wir mit den vielen Bittbriefen und Spendenaufrufen in den Medien und in unseren Briefkästen? Sind wir unbarmherzig, wenn wir nicht reagieren? Nun ja, hier und da geben wir schon etwas ab, per Überweisung und der Bettler bekommt auch schon mal ein paar Cent. Ist jetzt alles gut?

Natürlich gibt es einen Unterschied zur Barmherzigkeit zu Jesu Zeit und heute, wenn man auf den rein finanziellen Aspekt sieht. Wir haben ein Sozialstaatsprinzip, das im weltweiten Vergleich eine sehr hohe Effektivität hat. Deshalb hat Deutschland auch eine hohe Anziehungskraft. Wir haben so gesehen eigentlich die Barmherzigkeit kollektiviert. Das Wort Barmherzigkeit kommt jedoch in unseren Gesetzen und Verordnungen nicht vor. Es wirkt fast wie ein Fremdwort oder wie aus alter Zeit. Eine gesetzmäßige Verwaltung kann nicht im Einzelfall barmherzig sein, und vielleicht hier und da mal mehr geben oder ein Auge zu drücken. Der Rechtsstaat muss nach einheitlichen Regeln vorgehen. Aber, Gott sei Dank, sind die Regeln grundsätzlich von Barmherzigkeit geprägt.

Und es gibt noch einen Grund zu danken, denn darüber hinaus gibt es auch privat viele Menschen, die sich im sozialen Bereich ehrenamtlich betätigen und/oder für Hilfsbedürftige spenden. Trotz der Corona-Krise sind im letzten Jahr rund 40 Millionen Euro mehr zusammengekommen als im Jahr davor.

Aber Barmherzigkeit ist mehr, als vom Überfluss ein paar Brocken abzugeben. Jesu Aufforderung „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ stammt aus seiner sogenannten Feldrede, eine öffentliche Rede, ähnlich wie die Bergpredigt, die Jesus vor einer großen Menschenmenge hielt. Viele Menschen kamen zu ihm, umdrängten ihn mit ihren Fragen, Bitten und allerlei Erwartungen. Sie kamen aus Neugier, aus religiösem oder politischem Interesse, als Kranke oder sonst Hilfsbedürftige. Es kamen Alte und Junge, Männer und Frauen, Gebildete und Einfältige, Arme und Reiche. Er spricht zu allen, die ihn hören wollen. Er spricht von Liebe und Barmherzigkeit.

Aber er spricht nicht nur davon, er handelt auch. Jesus hat kein Geld, jedenfalls reicht die bescheidene Kasse der Jünger nicht für großartige Spenden. Jesus hat aber eine göttliche heilende Kraft, die Kraft der Vergebung von Sünden und der Heilung von Krankheiten, was immer es auch ist. Und damit geht Jesus verschwenderisch um. Er heilte sie alle, und zwar richtig, tiefgreifend und umfassend. Das macht er nicht, weil er zu Ansehen kommen will, oder weil er Aufmerksamkeit erregen will, oder weil es ihm einfach Freude macht zu helfen. Nein, es jammert ihn, er war in seinem Innersten ergriffen, sein Magen rebellierte. Er nahm das Leid der Menschen nicht nur später am Kreuz körperlich wahr, sondern immer wieder in der Begegnung mit leidenden und verlorenen Menschen. Für Jesus ist Barmherzigkeit mehr als Zuneigung, Sympathie oder Solidarität. Jesus empfindet so wie die Eltern eines schwer kranken und leidenden Kindes, die selber mitleiden und alles für ihr Kind tun wollen, um ihm zu helfen.

Nun, wenn wir uns jede Not in der Welt so zu Herzen nehmen, wie Jesus das getan hatte, wir würden vor Schmerz zugrunde gehen. Das Leid der Welt kann nur Gott allein ertragen. Wir haben nur begrenzte Möglichkeiten, die sich im Wesentlichen auf unser Umfeld beschränken, auf unseren Nächsten. Praktische Barmherzigkeit beschreibt Jesus für uns in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Auch diesem Reisenden aus Samaria jammerte das Leid des Überfallenen. Er zeigte spontan Mut, opferte Kraft, Zeit und Geld. Er half umfassend, aber natürlich nur im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Gottes Barmherzigkeit ist weltumspannend. Es gehört zu seinem Wesen. Er ist barmherzig, gnädig, geduldig und treu. So stellt er sich Mose gegenüber vor. Jesus macht diesen Wesenszug Gottes aber konkret für uns. In seinen Endzeitreden (Matthäus 25, 35 ff) zählt er auf, worum es ihm geht: Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen. Wir können diese Liste im Einklang mit Jesu Worten an anderen Stellen sicher fortführen: Unterdrückten beistehen, Trauernde trösten, Belastete erleichtern, Einsame begleiten, aber auch erlittenes Unrecht vergeben und nicht nachtragen. Ja, Vergebung, Geduld und Treue gehören untrennbar zur Barmherzigkeit dazu.

„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“, so drückt Jesus es in der Bergpredigt aus (Matthäus 5, 7). Liebe Gemeinde, lasst uns das Jahr 2021 zu einem Jahr der Barmherzigkeit machen. Ich wünsche viel Mut, Kraft und Fantasie dazu.

Joachim Möller