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Die Brüdergemeinden

Von Joachim Zeiger

Wenn in Rahmen dieser Festschrift von den "Brüdergemeinden" die Rede sein soll, bedarf dies sicher einer Erläuterung. Vor 150 Jahren (1834) entstand die erste Baptistengemeinde in Deutschland, und vor 132Jahren (1852) begann das Werk der deutschen "Brüder" in unserem Land. Der Ursprung des deutschen und kontinentaleuropäischen Baptismus liegt in dem weltstädtischen Hamburg, die Wurzeln des deutschen Brüdertums sind in dem pietistischen Wuppertal zu finden. Kennzeichnend für den Baptismus ist der aktivistische Zug besonders im Blick auf die Verwirklichung eines neutestamentlichen Gemeindebildes und die missionarische Verantwortung der Gemeinde; das Brüdertum ist in seinem Grundzug eher quietistisch, d.h. bestimmt von der Überzeugung, in dem von Christus vollbrachten Heil ruhen zu dürfen - so treten verinnerlichtes Glaubensleben und die Notwendigkeit der Anbetung Gottes besonders hervor. Obwohl beide Gemeindebewegungen in der Mitte des 19.Jahrhunderts entstanden sind, sie in ihrer Entwicklung doch einen eigenen Weg gegangen. Trotz vieler Gemeinsamkeiten im Schriftverständnis und in der Gemeindeauffassung standen und stehen die Baptisten und die "Brüder" in einem positiven Spannungsverhältnis zueinander. Jede Gemeindegruppe erkennt, daß sie die andere zur Ergänzung und Bereicherung braucht, jeder für sich ist bemüht, sein eigenes Profil zu wahren und dennoch auf den anderen prägend zu wirken.

Entscheidung in bedrängter Situation

Nicht gemeinsamer geschichtlicher Ursprung, auch nicht ein gemeinsames Bekenntnis zur Frage nach der neutestamentlichen Taufe (d.h. gemeinsame Taufgesinnung), sondern eine Entscheidung, die in bedrängter Situation getroffen wurde, haben Baptismus und Brüdertum miteinander verbunden. "Die Fühlungsnahme untereinander, die im Jahre 1937 einsetzte und 1941 auf der Bundeskonferenz in Berlin, Gubener Straße zur Gründung des gemeinsamen Bundes führte, hatte zahllose Gespräche zur Folge, bei denen Darbysmus (Brüdertum) und Baptismus gegeneinander abgewogen wurden. Dabei stand die Frage nach dem Wesen der neutestamentlichen Gemeinde, nach der "Ekklesia" mit neuer Schärfe vor Augen" (Hans Luckey, in: Predigerseminar Hamburg-Horn, Festschrift 1955).

Hoffnungen und Erwartungen

Der im Jahre 1944 vollzogene Zusammenschluß zum Bund Evangelisch- Freikirchlicher Gemeinden (K.d.ö.R) sollte ein Beispiel für die Zusammengehörigkeit und Einheit der an Christus Glaubenden trotz verschiedener Prägung und Tradition sein. So vereinte der gemeinsame Bund von Anfang an zwar bekenntnisverwandte, aber doch geschiehtlieh und strukturell unterschiedliche Gemeinden (Baptisten-, Brüdergemeinden, Elimgemeinden), Es mag bei der Gründung des gemeinsamen Bundes auch die Hoffnung mitgeschwungen haben, daß auf diesem Wege ein neuer Typ von Gemeinden entstehen könnte, eben die evangelisch-freikirchlichen Gemeinden. Seitens der Brüdergemeinden bestand nach wie vor die Erwartung, daß dieser Zusammenschluß lediglich ein erster Schritt auf dem Weg einer weiteren Vereinigung des gesamten Gemeindechristentums in Deutschland sei. Vor allem richtete sich diese Erwartung auf die Freien evangelischen Gemeinden, die dem Brüdertum in vieler Hinsicht wesensverwandt sind. Die Kriegsverhältnisse haben diesen Wunsch nicht in Erfüllung gehen lassen,

Zur Frage des Namens

Die Brüdergemeinden ihrerseits traten in den Bund, nachdem sie ein Stück der Willkürherrschaft des Nationalsozialismus an sich selbst erfahren hatten (Verbot der "Christlichen Versammlung" im Jahre 1937) und einen ersten Schritt einer schon längst fälligen Vereinigung zwisehen den meisten "Christlichen Versammlungen" und den "Offenen Brüdern" im Jahre 1937 vollzogen hatten. Der aus dieser Zeit stammende Name "Bund freikirchlicher Christen" (BfC) wurde auch in der Folgezeit als Unterscheidungsmerkmal innerhalb des Bundes häufig verwendet.

Jedoch drückte dieser Name eigentlich nichts Typisches aus über das Wesen der Brüdergemeinden, außerdem war der BfC mit der Gründung des gemeinsamen Bundes aufgelöst worden; so bürgerte sich allmählich der Name »Brüdergemeinden» ein. Zwar ist diese Bezeichnung lediglich eine interne Sprachregelung, da der offizielle Name der Gemeinden nach wie vor »Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde» lautet. Aber ebenso wie bei vielen Baptistengemeinden das Bedürfnis entstand, eine Klammerbezeichnung hinter den offziellen Namen zu setzen, z.B. Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), so entstand auch bei den Brüdern der Wunsch, in ihren Gemeinden ähnlich zu verfahren. Niemand hat dabei verkannt, daß es für die Baptistengemeinden ein ungleich größeres Opfer gewesen war, bei der Gründung des Bundes auf ihren international anerkannten Namen zu verzichten.

Veränderungen

Jedoch nicht die Frage des Namens allein hat gewisse Rückfragen nach der Bundestreue und -loyalität der Brüdergemeinden ausgelöst, sondern die ganze Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg weist auf ein spannungsvolles Geschehen hin. Ein großer Teil der Brüdergemeinden ging zurück in die Exklusivität, andere verließen den Bund und bildeten den »Freien Brüderkreis». Die Brüdergemeinden, die im Bund verblieben, haben zum Teil gewisse Strukturveränderungen erfahren, die vielleicht am ehesten einem neuen Gemeindetypus, eben dem evangelisch- freikirchlichen entsprechen. Das zeigt an, daß das gemeindliche Selbstbewußtsein der deutschen Brüdergemeinden nicht mehr einheitlich ist und daß auch manche Glieder der Gemeinden aufgrund der Entwicklung mit Komplexen belastet sind.

Aus diesen Gründen hat sich innerhalb des Bundes die »Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden» gebildet, deren Aufgabe es ist, die Zusammengehörigkeit der Brüdergemeinden trotz deren unterschiedlichen Verbindungen (im Bund / außerhalb des Bundes) zu bewahren, den geschichtlichen und gabenmäßigen Beitrag des Brüdertums im Bund und darüber hinaus als Zeugnis gegenüber anderen Kirchen und Gemeinden einzubringen und die internationalen Verbindungen zu den Brüdergemeinden in der ganzen Welt nicht abbrechen zu lassen.

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