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Der Zusammenschluss
zum Bund Evangelisch- Freikirchlicher Gemeinden

Von Günter Balders

Äußerer Druck veranlaßte 1933 Vertreter der in der Vereinigung evangelischer Freikirchen lose verbundenen Gruppen. über ein Zusammengehen nachzudenken. Die Angst vor der Gleichschaltung, einer vom Staat womöglich verordneten Eingliederung in die Deutsche Evangelische Kirche, weckte den Wunsch, eine Deutsche Freikirche zu gründen.
Bald schon wurde jedoch deutlich, daß diese anfangs nicht unbegründete Sorge durch die Entwicklung überholt war. Das radikal antikirchliche Vorgehen der NS-Religionspolitik im Frühjahr 1937 weckte aber die schlummernde Frage nach der einen Freikirche wieder auf, und zwar verbunden mit einem inneren, geistlichen Motiv. Auf der "Theologisehen Woche" der baptistischen Predigerbruderschaft Anfang April 1937 wurde in einer Gebetsgemeinschaft das Verlangen laut, "die Brüder zu suchen", um der von Christus gewollten und in Christus gegründeten Einheit der Gläubigen näher zu kommen. So besuchten denn Paul Schmidt und Friedrich Rockschies sowohl Ernst Brockhaus und andere führende Männer der Christlichen Versammlung in Wuppertal, als auch leitende Brüder der Freien evangelischen Gemeinden in Witten.

Verbot der Christlichen Versammlung

Die Kontaktaufnahmen erhielten eine völlig neue Dimension, als "wie aus heiterem Himmel" am 28.April 1937 durch Zeitungsmeldungen das Verbot der Christlichen Versammlung bekannt wurde und die "Brüder" am folgenden Sonntag vor verschlossenen, versiegelten Türen standen.
Das Verbot stand im Zusammenhang zahlreicher anderer, ähnlicher Verbote. Einige "führende Brüder" suchten sogleich die Gründe herauszufinden und die Aufhebung der schon am 13.April verfügten Auflösungsanordnung zu erreichen, beides ohne Erfolg. Das Bundeshaus der Baptisten reagierte schnell und auf seine Weise: Den Gemeinden wurde am 7.5. mitgeteilt, sich mit der Aufnahme von Mitgliedern der "Versammlung" zurückzuhalten und den Schein zu vermeiden, Auffangstellung für verbotene Gruppen zu sein.

Bund freikirchlicher Christen (BfC)

"Erfolgreicher" als die noch am 28.4. nach Berlin geeilten E. Brockhaus, H. Hartnack und ihr juristischer Berater Dr. F.Richter war Dr. Hans Bekker, der sich auf Drängen von Freunden bereit fand, ebenfalls in Berlin Erkundigungen einzuholen. Und er, ein führender Mann in der Wirtschaft, erhielt in zähen Verhandlungen die Erlaubnis, unter seiner persönlichen Verantwortung eine Organisation ins Leben zu rufen, der es den sich als staatsloyat bekennenden Versammlungschristen ermöglichen sollte, sich auf einer neuen Grundlage zu versammeln. Am 23.5.1937 wurde im Beisein eines Gestapobeamten (dadurch war eine freie Aussprache unmöglich!) in Dortmund der Bund freikirchlicher Christen (BfC) gegründet, dem man nur durch schriftliche persönliche Erklärung beitreten konnte. Die von der Gestapo erteilten Auflagen lassen indirekt erkennen, aus welchen äußeren Gründen die Christliche Versammtung verboten wurde. Sie verlangten (laut Hans Becker) nämlich, "daß wir uns eine klare und durchsichtige Organisation geben, in der sich nicht staatsabträgliche Bestrebungen unter dem Deckmantel des Christentums verbergen können." Die "alte" Christliche Versammlung galt also offenbar wegen ihrer betonten Organisationslosigkeit in den Augen der NS-Behörden als "Sicherheitsrisiko". Doch "da gegen die Person und die Lehre von Dr. Hans Becker ... keine Bedenken bestehen, so ist demselben zwecks religiöser Betreuung der durch das Verbot der Christlichen Versammlung betroffenen Volksgenossen die Gründung eines Bundes freikirchlicher Christen gestattet worden, und zwar mit solchen Mitgliedern der Christlichen Versammlung, welche durchaus auf dem Boden der nationalsoziatistischen Weltanschauung stehen und zum Teil alte Parteigenossen sind. Die Christliche Versammlung ist und bleibt verboten ...." - so die heute bekannte Verfügung des Chefs der Sicherheitspolizei, Heydrich. Außerdem galt die Christliche Versammlung wegen ihres bewußt distanzierten (exklusiven) Verhältnisses zu anderen Christen und zur "Welt", Kultur usw. als nicht "lebensbejahend".

So lauteten denn die Grundsätze des neuen Bundes:
1. Biblisch-christlicher Glaube,
2. Einwandfreier Lebenswandel und guter Ruf
3. Der Wille in Wort und Tat ein Zeuge für Jesus Christus zu sein.
4. Staatsbejahung im oben erläuterten Sinne.
5. Bewußtes Streben nach der Einheit mit allen Gläubigen.
6. Duldsamkeit untereinander.
7 Aufgeschlossenheit für die Dinge dieses Lebens.

Der Neuanfang im BfC setzte für alle zum Eintritt Bereiten eine bestimmte Antwort auf die weitaus schwierigere innere Frage nach dem "Warum" des Verbotes voraus. Es wurde nicht nur von Hans Becker als ein Gericht Gottes über den bisherigen "exklusiven" Weg angesehen, die Einheit des Leibes Christi durch völlige Abgrenzung von anderen Gläubigen darstellen zu wollen. Zudem lastete auf der Versammlung ein innerer Zwist über den Stellenwert der darbystischen Lehrtradition, die von den Älteren, besonders den "Reisebrüdern" hochgehalten, bei den Jüngeren aber nicht mehr die entscheidende Autorität bildete, sie versammelten sich in besonderen Zusammenkünften zu "freier" Bibellektüre. Der promovierte Jurist Hans Becker aber war der eigentliche "Kopf" dieser sogenannten "Stündchenbewegung". Und ihm fiel nun die entscheidende Schlüsselstellung beim Aufbau des BfC zu: er wurde "Reichsbeauftragter", ihm waren, den staatlichen Auflagen gemäß, die Ortsbeauftragten verantwortlich.

Einigungsbewegung

Nur 5- 12 % der etwa 60 000 "Christen ohne Sonderbekenntnis", wie sie sich gerne nannten, traten nicht dem neuen Bund bei ("Nicht-Bündlern). Der BfC wurde im Dezember 1938 in die Vereinigung Evangelischer Freikirchen aufgenommen. Zuvor hatte er sich unter Beibehaltung seines Namens noch im Herbst 1937 mit den "Offenen Brüdern", den 135 damals sogenannten "Kirchenfreien christlichen Gemeinden" wieder vereinigt. "Unser Herz ist voll Dank für das Gnadengeschenk dieser Einmütigkeit" nach 90jähriger Trennung.

Im Dezember 1937 wurde der Faden wieder aufgenommen, zu einer engeren Verbindung der taufgesinnten Gemeinschaften der Baptisten, des BfC und der Freien evangelischen Gemeinden zu kommen. Vor allem die Vertreter der immer allianzgesinnten Offenen Brüder arbeiteten stark an der geistlichen Konzipierung dieses Vorhabens. Die Elberfelder Konferenz 1939 des BfC beschloß, auf eine Vereinigung der drei Bünde hinzuarbeiten, notfalls aber auch ohne den Bund Freier evangelischer Gemeinden, in dem noch stärkere Vorbehalte vorhanden waren, mit den Baptisten alleine. Der Ausbruch des Krieges beschleunigte dann das Aufeinanderzugehen des BfC und des Bundes der Baptistengemeinden. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß Hans Becker und die wenigen, die das ungewohnte Instrument einer Bundesorganisation handhaben und überdies auch noch viele Lehrbrüder für den neuen Weg erwärmen mußten, nach und nach dienstverpflichtet wurden, so daß Eile geboten war: In den Zielvorstellungen Hans Beckers u.a. sollte nach allem, was auch den Quellen bekannt ist, der BfC ohnehin nicht eine Dauerlösung sein.
Die baptistische Bundesleitung stellte für sich fest: "Zur Einigungsbewegung wird bemerkt, daß es sich darum handelt, dem grossen Ziel, der Einheit der Kinder Gottes zu dienen. Der andere Grund kommt aus der Einsicht. daß wir Christen durch schwere Proben gehern müssten. Dabei wird alles Schwache und Zerstreute zugrunde gehen. Deshalb liegt uns daran, alles Gemelndemässige zu grösserer Einheit und damit zu grösserer Kraft zusammenzufassen".

Ende 1940 berieten beide Bundesleitungen über den endgüitigen Zusammenschluss. Der nochmals befragte Bund Freier evangelischer Gemeinden sagte Ende November definitiv ab.

Die Vereinigung beider Bünde

Die trotz des Krieges gut besuchte Bundesversammlung wurde zu einem geistlichen Erlebnis. "Kein Teilnehmer wird je die erhebenden Eindrücke vergessen, als am 22. Februar 1941 ... die Vereinigung beider Bünde zum Bund Evangelisch- Freikirchlicher Gemeinden beschlossen und alle in geistgewirkter Einheit beim Brotbrechen zur Verkündigung des Opfertodes um den Tisch des Herrn versammelt waren!"
Rechtlich wurde dem Zusammenschluß die 1936 modifizierte, nun nochmals veränderte Bundesverfassung des Bundes der Baptistengemeinden zugrundegelegt, um die vorhandenen Körperschaftsrechte nicht zu gefährden. Die Änderungen betrafen eine paritätische Neubesetzung einer nun erweiterten, zugleich mit noch stärkeren Befugnissen ausgestatteten Bundesleitung und ein besonders empfindlicher Punkt - den neuen Namen: Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Er hatte unter einem guten Dutzend anderer in Erwägung gezogenener "den Sieg davongetragen" und sollte offensichtlich die Tür für andere offenhalten, analog z.B. dem "Verband der Evangelisch-Freikirchliehen Diakonissen-Mutterhäuser", der spätesten seit 1934 diese Bezeichnung führte.
Die Baptisten haben unter dem Verlust ihres weltweit vertrauten Namens ohne Frage "gelitten", während die früher "namenlosen" Versammlungen hier nichts zu verlieren hatten als eine wenig schöne Abkürzung. Dank vorzüglicher Beziehung Paul Schmidts zum Staatssekretär des Reichsministeriums für kirchliche Angelegenheiten, Dr. Werner Haugg, war sichergestellt, daß die Namensänderung akzeptiert werden würde. Hingegen merkte man bald, daß der Zusammenschluß als solcher nicht ins religionspolitische Konzept der Behörden paßte. Denn "die Tendenz, Zusammenschlüsse der Christen nicht zu fördern, scheint anzuhalten. Neue Wege zu gehen, ist zur Zeit nicht tunlich". Einem glücklichen Umstand (Urlaubsvertretung) soll es zu Verdanken gewesen sein, daß die ersehnte Genehmigung des Zusammenschlusses nach über 11/2Jahren des Wartens erteilt wurde.
Der gemeinsame Bund umfaßte 1941 in 690 Gemeinden 120.000 Mitglieder, davon schätzungsweise 40.000 aus dem BfC.
Im Bundesganzen achtete man auf Parität in allen Gremien. Ins Bundeshaus trat neben Paul Schmidt als Betreuer der ehemaligen BfC-Gemeinden Walter Vogelbusch ein. Es war nicht beabsichtigt, bisherige Baptistengemeinden in die Art der bisherigen BfC-Gemeinden und umgekehrt BfC-Gemeinden in die Art der bisherigen Baptistengemeinden umzuprägen. "Die Mannigfaltigikeit ist Reichtum". Wohl aber sah man die "Lebensnotwendigkeit, kleine Gruppen der beiden Prägungen an einem Ort, in einer Gemeinde zu einen und lebensvoll zu verbinden".

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