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Bewegte Zeiten

Von den Anfängen der Baptistengemeinde Velbert

Von Christian Nill und Manfred Kasemann

In die Zeit um die Jahrhundertwende führen die ersten Spuren zurück, wenn man nach den Anfängen der Baptisten in Velbert sucht. Der damalige Pfarrer der evangelischen Kirche in Velbert, ldel, rief in den 1890er Jahren zur Buße auf. Da er zudem sehr vehement auftrat, hagelte es Beschwerden beim Konsistorium (Kirchenamt). Angriff und Verteidigung nahmen an Heftigkeit zu. Am Ende wurde Pfarrer ldel mit Gefängnis bestraft und verlor sein Amt. Er wurde später Wanderprediger.

Glaubenstaufe und Heiligung

In dieser bewegten Zeit entstanden freikirchliche Kreise in Velbert. Man traf sich zunachst innerhalb der evangelischen Kirche zu regelmaßigen Bibellesen und Gebet. Einer von jenen Teilnehmern, August vom Hof, später führend in der Freien evangelischen Gemeinde, wurde zusammen mit anderen daraufhin vom Sonntagschulhelferdienst ausgeschlossen. Unter der Betreuung eines der führenden Manner der Freien evangelischen Gemeinde, Friedrich Fries aus Witten, entstand in Velbert eine kleine Gemeinde. Das geschichtlich Interessante dabei ist, daß diese Gemeinde durch die Bedeutung der Glaubenstaufe ein baptistisches Profil entwickelte. Diese Entwicklung setzte ein, als man 1897 August Wesser in Velbert als Prediger berief dem der Ruf eines Baptisten vorausging und seine Ausbildung auf der Bibelschule in Chrischona / Schweiz erhalten hatte. Chrischona sagte man damals nach, eine übertriebene Heiligungslehre zu vertreten (gemeint könnte damit z.B. eine vollkommene Sündlosigkeit sein, wie sie später von ldel gepredigt wurde).
Friedrich Fries führte August Wesser in Velbert ein. Bald sagte man der kleinen Gemeinde nach, daß sie ganz baptistisch sei und nur gläubig Getaufte zum Abendmahl zulasse.

Auseinandersetzungen

Diese Vorgange sind historisch gut nachweisbar, da sie im Zusammenhang einer grundlegenden Auseinandersetzung dokumentiert sind, die 1898 auf der Bundeskonferenz des Bundes Freier evangelischer Gemeinden stattgefunden hat. Die Praxis der Velberter Gemeinde, nur Gläubige zu taufen und zum Abendmahl zuzulassen, widersprach nach Auffassung einer Reihe von maßgeblichen Brüdern in der Leitung des Bundes "offen dem § 2 der leitenden Grundsätze von 1874, in dem die Mitgliedschaft nur von dem Bekenntnis des Aufzunehmenden abhängig gemacht wurde. Von der Einheit des Leibes Christi in der irdischen Gemeinde sollte niemand ausgeschlossen werden, der bekannte, zu ihr zu gehören." (vgl. H.Lenhard, Studien zur Entwicklung der Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland, S. 202f). Auf der anderen Seite standen Brüder, die sich einem zentralen Grundsatz der Freien Gemeinden, der Freiheit und konfessionellen Eigenständigkeit der einzelnen Ortsgemeinden, verpflichtet fühlten. Diese Meinung, "daß es gegen die Tendenz des Bundes verstoße, solchen Glaubensgemeinschaften (die die Glaubenstaufe zur Bedingung machten) die Bundesgemeinschaft aufzukündigen, weil jede Gemeinschaft in Lehre und Praxis unabhängig sei" (vgl. Lenhard, S. 203), konnte sich schließlich auf der Bundeskonferenz durchsetzen. "Die Gemeinde Velbert wurde nicht ausgeschlossen,
sondern erhielt nur den brüderlichen Rat, der Gewissensfreiheit des einzelnen Raum zu lassen." (vgl. Lenhard, S. 203).
Die Folgen dieser Entscheidung, die auf der Bundeskonferenz dazu führten, daß ein führender Bruder und die von ihm geleitete Gemeinde in Wuppertal aus dem Bund austraten, haben sicherlich die Entwicklung der Velberter Gemeinde in den Jahren von 1898 bis etwa 1906 mitbestimmt.

Die Trennung

Die Gemeinde versammelte sich in dieser Zeit in einem gemieteten Gebäude in der Offerstraße, dem späteren Schwesternhaus. Neben den angedeuteten unterschiedlichen Auffassungen über die Bedeutung der Glaubenstaufe führte eine zunehmende Heiligungsbewegung mit Ansätzen zum Schwärmertum die Gemeinde in eine Zerreißprobe. Zu verschiedenartige Uberzeugungen waren beieinander, und in der Frage radikaler Heiligung mit charismatischer Prägung bald auch gegeneinander (gut nachzulesen bei K. Bussemer, Friedrich Fries als Diener der Gemeinde Jesu, Witten 1929, S.261-269). 1906 kam es zur Trennung. Dabei verließ der größere Tell der Gemeinde das Versammlungslokal an der Offerstraße. Man trat zu verschiedenen anderen Gemeinschaftskreisen der Stadt über. Einige trafen sich im Gemeindehaus Bethanien an der damaligen Ackerstraße. Dort entstand die Vorläuferin der heutigen Freien evangelischen Gemeinde. Der kleinere Kreis der baptistisch gesinnten Glieder der Gemeinde blieb in der Offerstraße und wurde in den nachfolgenden Jahren wirkungsvoll von der grösseren Nachbargemeinde in Wuppertal-Elberfeld unterstützt.

Der erste Prediger

Mit großer Freude konnte die Gemeinde 1920 Bruder Schulz als ersten eigenen Prediger berufen. Das war ein guter Halt für die kommenden Jahre, die durch äussere Bedrängnisse gekennzeichnet waren. Der Versammlungsraum in der Offerstraße wurde gekündigt, nachdem die Gemeinde sich nicht zum Kauf des ihr angebotenen Hauses entschließen konnte. Vorübergehend mussten deshalb die Gemeindeversammlungen von 1919 bis 1920 in einem Klassenraum der damaligen Volksschule Sontumer Straße stattfinden. Für diesen Zeitabschnitt findet sich im "Jahrbuch 1920 des Bundes der Baptistengemeinden in Deutschland" folgender Eintrag:

Velbert (Elberfeld, Rheinisch-Westfälische Vereinigung),
Sontumer Straße, Schule, Klassenzimmer (gemietet),
Versammlungszeiten: So 9.30, 17.00; Mi 20.30 Uhr.

Als nach einiger Zeit der Raum in der öffentlichen Schule nicht mehr zur Verfügung stand, mußte die damals aus ca. 40 Gliedern bestehende Gemeinde in einen Saal im Hinterhaus der Wirtschaft Ottingen an der PoststraBe 61 umziehen. Ungeachtet der schwierigen räumlichen Verhältnisse wuchs die Gemeinde bis Februar 1930 auf 78 Glieder. Bruder Schulz hatte inzwischen ( 1925) einen Dienst in der Gemeinde Hannover-Linden übernommen.

Der Predigtdienst wurde danach vom Gemeindeleiter Albert Maue, tatkraftig unterstützt durch die Prediger aus der Gemeinde Wuppertal-Elberfeld, ausgeübt. Ein Auszug aus dem Mitgliederverzeichnis der Baptistengemeinde Elberfeld informiert über die Versammlungen im Jahr 1930:

Das Haus Bethanien

Die Gemeindeentwicklung machte den Umzug in ein größeres Haus unausweichlich. Im Jahr 1930 war es soweit: die Gemeinde kaufte einen 1921 errichteten Gebäudekomplex auf dem Eckgrundstück Schwanen-,Hohenzollern- und Neustraße. Ein größeres Gebäude und ein Wohnhaus standen jetzt zu Verfügung. Erd- und Kellergeschoß waren an eine Schreinerei vermietet. In dem zugehörigen Wohnhaus an der Hohenzollernstraße wohnte die Kastellansfamilie Gustav Krüger. In dem neuen Gemeindehaus mit dem Name "Bethanien" stieg die Zahl der Gemeindeglieder bis auf etwa 90 im Jahr 1941, in dem es zu Vereinigung der Baptisten- mit der BfC-Gemeinde an der Hofstraße kam.

Nach der Übersiedlung in die Hofstraße wurde das Gebaude verkauft und durch die Firma Engels GmbH in Notwohnungen umgebaut. 1961 wurde der gesamte Gebäudekomplex im Zusammenhang mit städteplanerischen Maßnahmen abgerissen.


Im Haus Bethanien hatte die Baptistengemeinde gute Möglichkeiten, als Gemeinde zu leben.

Auch Taufgottesdienste konnten hier in einem würdigen Rahmen gefeiert werden.
Vorne: Prediger Diabo von der Gemeinde Wuppertal-Elberfeld, Rolandstraße.


Es war schön, als baptistische Gemeindefamilie einen Ausflug zu machen.
Prediger Albert Schulze und Frau, 2.und 3. vorne links stehend.

Viele gehörten zum Jugendverein der Baptistengemeinde an der Poststraße.




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