Auf ein Wort

(Leitartikel aus unserem Gemeindebrief Juli/August 2018)
Oberländer Michael 8 2016 1000
„Ein Obdach der Seele“ – so lautet der Titel eines Buches des Wiener Theologieprofessors Paul M. Zulehner. Darin schreibt er: „Tief in jedem Menschen sitzt der unausrottbare Wunsch nach Wurzeln. Irgendwo muss der Mensch daheim sein.“[1]

Paul M. Zulehner beschreibt, dass wir Menschen gute Rituale, (Lebens-) Räume und Gemeinschaft brauchen, in denen wir erfahren, dass wir zu einem größeren Ganzen gehören, das uns trägt und in dem wir fraglos angenommen sind. Denn: „Psychische Obdachlosigkeit erleben wir als bedrohlich.“

Für den Autor ist das „Obdach der Seele“ in der Kirche, in der weltweiten Gemeinde Jesu zu finden. Die Möglichkeit, dieses Obdach zu vermitteln, beschreibt er geradezu als DAS Kapital der christlichen Gemeinde: „Hinter der Kirche werden also Menschen von überall her sein, wenn sie die Gewissheit haben können, dass sie dort das wohnliche Geheimnis Gottes finden werden. Sie sind ja im Grund hinter Gott, und nicht hinter der Kirche her.“

Mit seinem Buch spricht Professor Zulehner tief sitzende Fragen des Herzens an. Es ist ja tatsächlich so, dass der „unausrottbare Wunsch nach Wurzeln“ in uns sitzt und „irgendwo (…) der Mensch daheim sein“ muss.

Schon früh im Leben beschäftigen uns die Fragen: Wo gehöre ich hin? Und wenn ich irgendwo dazugehöre, wer gehört dann noch dazu? Wer gehört zur Familie, zur Clique, zum Freundeskreis? Wer gehört zu den erwählten und „erlauchten“ Persönlichkeiten, die sich um ihren „Star“ scharen dürfen auf dem Schulhof, im Kollegenkreis, im Verein oder auch in der Gemeinde?

Mich haben diese Fragen über etliche Jahre immer wieder beschäftigt, denn ich wollte doch auch gerne dazugehören. Zu der Clique, die als besonders cool galt, zu der Gruppe, die bei den anderen hoch im Kurs stand. Was haben meine Freunde und ich in jungen Jahren nicht alles angestellt, um das zu erreichen. Haben uns gefragt: Wie muss ich gekleidet sein, wie muss ich reden, mich geben und darstellen, um dazuzugehören, um ein Obdach der Seele zu haben? Mutproben gehörten ebenso dazu, wie die cool im Mundwinkel hängende Zigarette. Vieles war auch schlicht peinlich – von heute aus betrachtet.

Doch diese Frage „Wo gehöre ich hin? Wo gibt es ein Obdach meiner Seele?“ erledigt sich nicht einfach, wenn wir älter werden. Vielleicht werden wir etwas gelassener, entspannter, und die Frage liegt uns nicht mehr ganz so schwer auf dem Herzen.

Aber gestellt wird sie dennoch – auch von älter gewordenen Menschen und sie wird je nach persönlichen Vorlieben beantwortet – muss beantwortet werden, denn „Psychische Obdachlosigkeit erleben wir als bedrohlich“ – unabhängig von Bildung, sozialem Status oder Alter.

Der Fußball-Fan kleidet sich mit Schal und Mütze in den Farben „seines“ Vereins, will zur Fanfamilie gehören und das auch zeigen.

Dabei muss es gar nicht immer so auffällig zugehen. Ob nicht so manche Auto-, Kleidungs- und Uhrenmarke signalisieren soll: Ich gehöre auch dazu! Was „La Costet“ die Welt? „Geld spielt keine Rolex!?“

Bei alledem beschleicht mich ein merkwürdiges Gefühl, eine Vermutung, eine Frage, die nur jede und jeder im Blick auf sich selbst klar beantworten kann: Bin ich das noch selbst, der da alles Mögliche versucht, um dazuzugehören? Bin ich das noch selbst oder ist es nicht eher so, dass ich mich verbiege, verstelle auf Kosten meines wahren Selbst, meiner wirklichen Gefühle?

Das muss wohl jede und jeder von uns selbst beantworten.

Denn: Irgendwo dazugehören wollen wir alle und immer hat es Folgen für unser Leben, wenn wir dem nachgehen. Da klingt es aufs erste Hinhören auch nicht gerade einfacher, wenn Jesus Christus sagt:

Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 3, 35)

Das heißt doch: Zur Familie Jesu gehört, wer Gottes Willen ernst nimmt und tut; beides gehört ja zusammen.

Also muss sich wieder verbiegen, verstellen, gegen die eigene Natur handeln, wer zur Familie Jesu gehören und ein Obdach der Seele haben will?

So könnten wir es lesen und missverstehen, wenn wir dieses Wort flüchtig aufnehmen, und wenn wir dabei nicht den sehen, der es uns sagt: Jesus Christus, Gottes Sohn.

Durch ihn haben wir Gott zum Vater. Das wird uns geschenkt, indem wir diesem Sohn vertrauen. Wer ihm vertraut, gehört also dazu, zur Familie. Wer zur Familie gehört wird dann aber auch danach fragen, was der Vater will. Wird danach fragen und es tun.

Aber, was will Gott denn, wirklich und im Letzten? Jesus antwortet darauf: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ (Matthäus 22, 34 - 40)

Aha, kein Verhaltenskatalog, der uns für jeden Fall genau vorschreibt, was wir zu tun und zu lassen haben. Wäre manchmal doch einfacher, oder? Gott mutet uns zu, nach dem Maßstab der Liebe zu fragen und zu handeln – untereinander und gegenüber ihm. Das nenne ich ein Obdach der Seele, unter dem wir aufatmen und durchatmen können!

Sicher! Einfach ist auch das nicht immer. Aber verbiegen müssen wir uns dennoch nicht; eher überwinden, was in uns gegen den guten Willen Gottes rebelliert, was uns den Frieden des Obdachs streitig machen will.

Es gibt nämlich manche Situationen oder auch Menschen, die es uns schwer machen, nach Gottes Willen zu fragen und liebevoll zu bleiben. Aber bei solchen sattsam bekannten Problemen wollen wir lieber nicht stehen bleiben - wir müssen’s auch gar nicht.

Da ist einer an unserer Seite, der nennt uns Schwester, Bruder, Freund. Er hat uns vorgemacht, wie man liebt, wie man verzeiht – echt und von Herzen, ohne sich zu verbiegen oder gar zu heucheln. Seine Liebe und Vergebung ist unsere Kraftquelle, es ihm nachzutun.

Nicht DAMIT, sondern WEIL wir zu seiner Familie gehören und WEIL er uns das Obdach der Seele schenkt.


Ihr/Euer Michael Oberländer


 [1]     Paul M. Zulehner, Ein Obdach der Seele, 7. Auflage 1997, Seite 26