Auf ein Wort

Leitartikel von Michael Oberländer
aus unserem Gemeindebrief
September-Oktober 2019 über Matthäus 16,24-26


 

Du musst sterben, bevor du lebst, damit du lebst, bevor du stirbst!“ Was für ein paradox klingendes Satzungetüm! Es könnte direkt der Wortwerkstatt Karl Valentins entstammen. Es ist jedoch der Titel eines Hörbuchs von Hans-Peter Royer, das ich kürzlich erworben habe, um es bei Sport und Freizeit anzuhören.

Wirklich leben, bevor der letzte Weg ins Sterben angetreten wird – wer will das nicht? Na klar, wir alle wollen so richtig genüsslich und aus dem Vollen leben, um dann irgendwann lebenssatt[1] (bitte möglichst spät und geräuschlos) wieder aus dieser Welt hinauszugehen. Sie wollen das, liebe Leserin, lieber Leser, und ich will das auch! Wenn da nur dieser ärgerliche Satzanfang nicht wäre. „Du musst sterben, bevor du lebst …!“ Wieso denn VOR dem Leben sterben? Und wie soll ich mir das, bitte schön, vorstellen? Wie kann das gehen und wie soll es aussehen?

Einige Sätze aus der Wortwerkstatt unseres Herrn Jesus Christus bringen uns auf die Spur des Lebens und der Antwort ein gutes Stück näher: Wenn jemand mein Jünger sein will, muss er sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. (Matthäus 16, 24ff)

Es geht um Nachfolge – so werden der Glaube an und das Leben mit Jesus gemeinhin genannt. Jesus sagt seinen Jüngern damals und heute unverblümt, was dazu gehört: … sich selbst verleugnen. Schnell entstehen bei dieser Formulierung graue und unfroh machende Bilder vor unseren Augen. Sich selbst verleugnen, das klingt danach, alle eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Freuden zu unterdrücken. Wenn das wirklich gemeint wäre, dann hätten wohl schon die ersten Jünger gleich Reißaus genommen. Haben sie aber nicht! Im Gegenteil! Wie haben sie sich gefreut und von Freude gesprochen und geschrieben[2], immer wieder!

Sich selbst verleugnen, das muss also etwas anderes sein als freudlose Askese und ein Leben mit sauertöpfischer Miene. Sich selbst verleugnen, das heißt vielmehr, sich selbst, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Freuden nicht mehr so furchtbar wichtig und zum absoluten Maßstab für gelingendes Leben zu nehmen. Sich selbst verleugnen, das heißt sich dem anvertrauen, der wirklich weiß, wie Leben gelingt. Sich selbst verleugnen, das heißt frei werden für die lebensfreundlichen Wege, die ER uns führen will. Sich selbst verleugnen, das heißt dem vertrauen, der wirkliches Leben schafft – gerade unter dem Bild seines Gegenteils – wo es scheinbar nicht zu erwarten ist. Denn er sagt ja: … sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen. Wer in römischer Zeit sein Kreuz auf sich nehmen musste, war ein armer Tropf. Denn sein Kreuz auf sich nehmen, das mussten Verurteilte auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte. Damit musste er öffentlich bekennen: Die Autorität, gegen die ich mich aufgelehnt habe, die ich nicht anerkennen wollte, hat sich als stärker erwiesen und ich bin ihr hoffnungslos unterlegen.

In diesem Sinne verstehen auch viele Menschen das Wort vom … sein Kreuz auf sich nehmen. Wie oft sagen oder hören wir: Ich habe nun schon seit 5 Jahren diese scheußlichen Schmerzen, aber das ist wohl das Kreuz, das ich tragen muss.“ – “Seitdem meine Frau, mein Mann, vor 2 Jahren gestorben ist, leide ich unter Depressionen, aber das ist wohl das Kreuz, das ich tragen muss.“ – “Wir haben wirklich alles für unseren Sohn getan und trotzdem ist er auf die ’schiefe Bahn‘ geraten. Es ist aber auch ein Kreuz für uns.“ Sein Kreuz auf sich nehmen – darunter wird allzu oft verstanden, dass wir schwere aber unabänderliche Lebensumstände zu tragen hätten. Das meint Jesus nicht!

Wenn er sagt: … nehme sein Kreuz auf sich …, dann meint er, dass wir uns ihm und seinem Willen unterstellen, um endlich frei zu werden von den vielen fremden und eigenen Ansprüchen und Zielvorgaben für unser Leben. Dann meint er, dass wir uns zu ihm stellen und mit ihm durchs Leben gehen. Das Kreuz, unter dem wir mit ihm gemeinsam gehen, ist schon lange – seit dem ersten Ostermorgen – kein lebensfeindliches Symbol mehr, sondern Zeichen und Verheißung des Lebens.

Unter diesem Kreuz machen wir eine paradoxe Erfahrung: Wo wir krampfhaft an unserem Leben, also an unseren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Zielen festhalten, werden doch wirklicher Friede, Zufriedenheit und Freude gerade nicht erreicht. Wenn ein Ziel erreicht ist, vielleicht der Kontostand endlich den angestrebten Betrag ausweist, dann verliert es seinen Reiz oder es kriecht die Angst ins Herz, das Erreichte wieder zu verlieren. Dann komme ich langsam dahinter, was Jesus im Monatsspruch für den September sagt: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Wahre Worte! Was helfen Kontostand, beruflicher Titel, soziale Stellung oder was auch immer, wenn meine Seele den Kontakt zu ihrem Ursprung, dem lebendigen Gott, verloren hat? Gar nichts! Geld mag beruhigen, berufliche Titel guttun, soziale Stellung Wichtigkeit vermitteln – vor Gott gilt das nichts. Da ist nur wichtig, dass ER meiner Seele die Ruhe geben kann, die ich suche, dass er mir guttut, indem er mir den Titel Kind verleiht und mir sagt, dass ich ihm unendlich wichtig bin. ER gibt, was alles Geld und Gut der Welt nicht zu geben vermögen. Sich selbst verleugnen, Kreuz auf sich nehmen, nachfolgen – das meint sterben und das führt zu der Erkenntnis: Wenn ich mein Leben nicht für Christus drangebe, dann wird es für andere Dinge draufgehen! Oder positiv gewendet: Wenn ich mein Leben für Christus drangebe, dann wird es nicht mehr für andere Dinge draufgehen! So finden wir unser Leben!

Michael Oberländer

 

[1] S. 1. Mose 25,8 u.ö.

[2] Philipper 3,1; Johannes 20,20; 2. Korinther 6,10 u.ö.